Filtering Legacies – Filtering Toxic Environments

Filtering Legacies – Filtering Toxic Environments

Organisatoren
Alwin Cubasch / Vanessa Engelmann / Ronja Quast, Cluster of Excellence „Matters of Activity“, Humboldt-Universität zu Berlin / Heike Weber, Technische Universität Berlin / Verena Winiwarter, Universität für Bodenkultu Wien
Ort
Berlin und digital
Land
Deutschland
Vom - Bis
11.11.2021 - 12.11.2021
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Von
Ronja Quast / Vanessa Engelmann, Cluster of Excellence „Matters of Activity“, Humboldt-Universität zu Berlin

Filtertechnologien und ihre Konsequenzen gehören zu den zentralen Problemfeldern des 21. Jahrhunderts. Der Workshop widmete sich einer Genealogie dieser Problemfelder und fragte nach den Zusammenhängen zwischen Umwelt, Filtertechnologien und Altlasten, die sich im Umgang mit toxischen Stoffen ergeben. Dabei sollten Filterprozesse toxischer Überreste in ihrer historischen Dimension und mit ihren gegenwärtigen Herausforderungen analysiert, aber auch Blicke in Richtung Zukunft, zu neuen Lösungsansätzen gewagt werden. Nach einem Grußwort von Christian Kassung führte Alwin Cubasch in die Thematik ein. Filtertechnologien, so Cubasch, können als environing technologies im Sinne von Sörlin und Wormbs (2018) verstanden werden, die die Differenz zwischen toxisch und harmlos, sauber und verdreckt, natürlich und unnatürlich erzeugen. Darin läge aber auch die Problematik von Filtertechnologien: Sie würden Vorstellungen vermeintlich einfacher Lösungen bedienen, während sie selbst, etwa als Filterkuchen, problematische Altlasten erzeugen könnten.

Zu Beginn des ersten Panels entwickelte SIMONE MÜLLER (München) eine globale Perspektive auf Filtertechnologien der US-amerikanischen Müllverwertung während der 1980er-Jahre. Anhand von Müllverbrennungsanlagen und der von ihnen produzierten Rückstände ging sie der Idee des waste-to-energy nach, die sich ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert als politisch attraktive Lösung für den überbordenden Hausmüll in den Vereinigten Statten etablierte. Müller stellte anhand von Fallbeispielen die verzweifelte Suche nach Abnehmern für die hochgiftige Asche der Müllverbrennungsanlagen dar und zeigte, dass auch vermeintlich saubere Technologien Rückstände erzeugten, die mittels internationalen Müllhandels aus der Lebenswelt der US-Amerikaner:innen entsorgt werden mussten. Diese Verknüpfung von Müllverbrennung, Filtertechnologien und Exterritorialisierung der Altlasten in Länder des Globalen Südens stelle, so Müller, einen „process of spatial condensation of pollution“ dar, der sich erst mit einem kritischen, globalhistorischen Blick offenbare.

MANUEL HARMS (Dresden) stellte einen Ausschnitt aus seiner aktuellen ethnographisch angelegten Forschung vor, die sich mit den Verflechtungen von antimicrobial resistance (AMR) in urbanen und peri-urbanen Gebieten Indiens beschäftigt. Harms spürte unter postkolonialen Gesichtspunkten jenen Verkettungen nach, die zur Entstehung antimikrobieller Resistenzen führen, und versuchte die Rolle des Antibiotikums als porösen Filter innerhalb dieser Komplexität produktiv zu machen. Dabei betonte er die Paradoxien einer „reverse toxicity“, die durch die Verunreinigung der Gewässer rund um indische Antibiotikafabriken und den informellen Gebrauch von Antibiotika in der Viehzucht erzeugt wird. Aus den pharmazeutischen Rückständen, so Harms, entwickelten sich resistente Erreger und damit neue Gefahren, die sich – als lebende Organismen – vor allem durch ihre hohe Mobilität auszeichneten. Die Rückstände werden somit zu einer neuen Gattung organisch-industrieller Altlasten.

Die anschließende Paneldiskussion setzte die beiden vorgeschlagenen Perspektiven auf Filterprozesse ins Verhältnis. Dabei stellte sich heraus, dass Filter, die zur Dekontaminierung beitragen sollen, aufgrund ihrer spezifischen Materialität aktiv an der Schaffung von Umwelten mitwirken und in diese eingebunden sind. Dabei werden „technological fixes“ und pharmazeutische Substanzen aufgrund der Mobilität ihrer Konsequenzen in globaler Perspektive auch zu Indikatoren sozialer Ungleichheit und ökologisch-politischer Machtgefälle.

Im zweiten Panel ging ELENA KUNADT (Berlin) der seit den 1960er-Jahren in den USA und in der Bundesrepublik Deutschland aufkommenden Frage nach, ob Atrazin, ein verbreitetes Herbizid zur Unkrautbekämpfung, aus dem Trinkwasser gefiltert werden könne. Kunadt zeigte, dass es sich bei der damaligen Annahme, der Boden besäße eine ausreichende Filtrationswirkung, um eine Fehleinschätzung handelte. Das persistente Herbizid gelangte in Grundwasser, Wasserwerke und Trinkwasser. Sie zeichnete die langwierige Debatte über den Umgang mit Atrazin in der BRD nach, die sich in einem Spannungsfeld zwischen Akteuren wie der Bundesregierung, der Landwirtschaft und lokalen Wasserwerken abspielte. Anders als in den Vereinigten Staaten konnten sich Aktivkohlefilter als technische Lösung für die Atrazinfiltration wegen schärferer Grenzwerte in der BRD nicht durchsetzen, was zu einem Anwendungsverbot für dieses Herbizid führte. Anhand dieses Fallbeispiels demonstrierte Kunadt die unterschiedlichen Interessen und das Abwägen der Akteure zwischen Ursachenbekämpfung und Symptombehandlung im Umgang mit wassergefährdenden Stoffen.

Anschließend stellte PAULINA GREBENSTEIN (Berlin) zwei ihrer Designprojekte zu urbanen Naturfiltern vor. Sie skizzierte urbane Räume als menschengemachte Störungen natürlicher Stoffkreisläufe, die etwa durch die Versiegelung von Flächen und die Schmutzkonzentration im Abwassersystem negative Folgeerscheinungen hervorrufen. Grebensteins erstes Projekt urban:eden ist ein System zum Umgang mit überschüssigem Regenwasser in Berlin, in dem permeable Bürgersteige oder urban wetlands zum Einsatz kommen. Diese Feuchtbiotope setzen auf die Filterwirkung von Pflanzen und des Substrats, in dem sie wachsen. Grebensteins zweites Projekt untersucht die Wirkung urbaner Waldgefüge als Mikroökosysteme auf den Stadtraum, in denen verschiedene Organismen miteinander interagieren und Filterprozesse bewirken. Das Projekt soll anthropozentrische Herangehensweisen im Design überwinden und befasst sich mit dem System Wald als Filteragent. Die Vortragende stellte anschließend zwei ihrer Designs vor, eines für Berlin-Mitte und eines für die taiwanesische Hauptstadt Taipei. Anhand dieser beiden Projekte demonstrierte sie, wie Trennungen von Mensch und Natur sowie Stadt und Natur aufgebrochen werden können und wie urbaner Raum mithilfe von selbstregulierenden und nachwachsenden Naturfiltersystemen gestaltet werden kann.

Die Abschlussdiskussion dieses zweiten Panels widmete sich insbesondere dem Verhalten menschlicher Akteure. Moderatorin Heike Weber stellte auch im Hinblick auf die Ergebnisse des ersten Panels die diskussionsleitende Frage: „Can humans handle filters?“ Die Antworten fielen unterschiedlich aus, und anhand von Grebensteins umfriedeten und für Menschen unzugänglichen Stadtwäldern diskutierten die Teilnehmenden, ob nicht der Mensch selbst im Sinne einer toxischen Altlast aus bestimmten Umwelten herausgefiltert werden müsse.

In ihrer Keynote, die zugleich in die Online-Ringvorlesung „Talking Matters“ des Exzellenzclusters „Matters of Activity“ eingebettet war, stellte VERENA WINIWARTER (Wien) die Frage nach der symbolischen Konstruktion von radioaktiven Materialien, ihrem Anfall als Nebenprodukte in scheinbar nicht-nuklearen Produktionsketten und ihrer gesetzlichen Regulierung. Anhand einer kritischen Betrachtung des Begriffspaars NORM (naturally occurring radioactive materials) und TNORM (technologically enhanced naturally occurring radioactive materials) demonstrierte sie, wie durch semantische Naturalisierung technisch erzeugter radioaktiver Abfälle politisch motivierte Natur/Kultur-Differenzen erzeugt werden. Winiwarter zeigte an einer Fülle von Beispielen, wie mittels TNORM hochradioaktive Industrie- und Filterabfälle dereguliert und in globale Abfall- und Proliferationsströme eingespeist werden. Wie auch in den vorangegangenen Beiträgen zeichnete sich eine Ungleichverteilung zwischen Globalem Norden und Globalem Süden ab. Für Winiwarter bildete die Geschichte der TNORMs darüber hinaus auch den Ausgangspunkt zu grundsätzlichen Überlegungen zu Fragen globaler Verantwortung.

Die Vorträge des dritten Panels boten zwei Perspektiven auf Begriff und Praktiken des Umweltmachens (Sörlin/Wormbs 2018) im Kontext der aktuellen Forschung des Exzellenzclusters. LÉA PERRAUDIN (Berlin) reflektierte eine experimentelle Feldstudie, die im Oktober 2021 in Venedig im Rahmen des Anthropocene Campus Venice entwickelt und durchgeführt wurde. Sie verstand die Stadt aufgrund ihrer besonderen Formation und Historie als Wasser-Land-Kontinuum, einen Ort des Ineinanderfließens und der Aushandlung von Leckage und Akkumulation auf lokaler und globaler Ebene. Perraudins ortsspezifische Intervention diente als Experimentierfeld der eigenen Verortung innerhalb und zugleich als Verbindung mit der Komplexität eben dieser Zusammenhänge und befragte die Stadt nach ihren vielfältigen Schichten und Praktiken des environings/Umwelt-Machens.

KHASHAYAR RAZGHANDI (Berlin) griff Überlegungen eines onto-epistemischen Verständnisses des Filters auf, das sich entlang des transdisziplinären Spannungsfelds zwischen Philosophie, Materialwissenschaft und spekulativem Design formuliert. Filter wurden hier zunächst als differenzproduzierendes Phänomen verstanden, dem innerhalb unterschiedlicher Disziplinen diverse symbolische und ontologische Funktionen zugeschrieben werden. Razghandi stellte heraus, dass gerade diese jeweils spezifischen Grenzziehungen als geteilte Praktik für ein aktives Modell von Filtern entscheidend sind und beschrieb diese als „event-based boundaries“. Anschließend versuchte er, dieses Verständnis mit dem umweltlichen Denken der environing technologies zu koppeln und dessen Konsequenzen für ein transdisziplinäres, aktives Modell von Filtern auszuloten.

Die Abschlussdiskussion des Panels nutzte die interdisziplinäre und experimentelle Ausrichtung beider Vorträge, um über Themen und Fragen zu diskutieren, die zukünftige Forschungsausrichtungen formulieren. Die Teilnehmenden diskutierten insbesondere, inwiefern historische Forschung und gegenwartsbezogene Kulturwissenschaft zusammen mit Ingenieur- und Naturwissenschaften eine gemeinsame und kritische Perspektive auf Filtertechnologien entwickeln könnten.

Im letzten Panel sprach zunächst SABINE LOEWE-HANNATZSCH (Freiberg) über die Altlasten des Uranerzbergbaus. Sie skizzierte die Geschichte der Bergbaugesellschaft SAG/SDAG Wismut (DDR) von 1946 bis 1991, die Uran für Moskaus Atomwaffenprogramm produzierte. Aufgrund von unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen durch die sowjetisch-ostdeutsche Aktiengesellschaft leidet das Abbaugebiet bis heute unter belasteten Böden. Loewe-Hannatzsch führte aus, wie ab den 1970er- und 80er-Jahren zunächst die SDAG und dann nach Stilllegung die Wismut GmbH mithilfe verschiedener Technologien und Methoden Sanierungsversuche unternahmen. Sie berichtete von Abraumhalden für Rückstände aus der Erzaufbereitung (tailings), aus denen Schwermetalle und radioaktive Rückstände durch Regen und Winderosion ausgewaschen wurden und in Grundwasser und Böden gelangten. Am Beispiel des Standorts Freital zeigte Loewe-Hannatzsch die komplexen, dynamischen und langfristigen Sanierungsprozesse, die von unterschiedlichen lokalen Akteuren mit je eigener Perspektive begleitet wurden und werden.

Im letzten Vortrag präsentierte STEFAN GUTH (Tübingen) seine Forschung zum Umgang mit Altlasten bei Uranabbau und Plutoniumproduktion in Westkasachstan. Guth widmete sich zunächst einer der größten hydrometallurgischen Anlagen der UdSSR, in der das sowjetische Atomministerium auf der Halbinsel Mangyschlak Uran, Phosphat und seltene Erden von Gestein trennen ließ. Bei dieser Verfahrenstechnik zur Metallgewinnung bleiben flüssige radioaktive und giftige tailings zurück, die schließlich die Atmosphäre und das Kaspische Meer bedrohten. Dann nahm er den Brutreaktor in Schewtschenko in den Blick, der eine Meeresentsalzungsanlage betrieb und in dem Plutonium für Atomwaffen produziert wurde. Bis 1991, so Guth, wurden die Arbeiten und der nachlässige Umgang mit Abfällen vor der Öffentlichkeit geheimgehalten. Auch wenn nach dem Ende des Kalten Kriegs das waffenfähige Plutonium mithilfe der USA sicher verlegt wurde, wurde das Gebiet nie saniert – stattdessen wurde auch nach 1991 der öffentliche Diskurs zensiert. Guth stellte somit zwei sehr unterschiedliche Filterpraktiken in einen gemeinsamen Kontext und formulierte zusammenfassend die These, das Filtern des öffentlichen Diskurses sei schlichtweg billiger als das Filtern radioaktiver Abfälle.

Damit griff er das bereits zuvor diskutierte schwierige Verhältnis zwischen Mensch, Filtertechnologie und Umwelteingriffen auf, das auch die Abschlussdiskussion des Workshop bestimmen sollte. Filter, so waren sich die Teilnehmenden weitestgehend einig, sind problematische Technologien, deren Versprechen von technological fixes für Umweltprobleme in historischer Perspektive immer wieder Fehlanreize setzten. Dabei konnten umwelthistorische Fragestellungen auch kenntlich machen, wie sich (post)koloniale Machtverhältnisse in Landschaften einschreiben und globale Macht- und Wohlstandsgefälle sich als roter Faden durch die vorgestellten Forschungen ziehen. Diskutiert wurde darüber hinaus die Bewertung historischer Akteure und ihrer Motivationslagen aus gegenwärtiger Perspektive und die Agency umwelthistorischer Forschender in aktuellen Debatten über ökologische Krisen und Folgekosten. Zur Disposition stand unter anderem das Verhältnis kritischer und aktivistischer Positionierung im Forschungsfeld und die Bedeutung des Filters als epistemischer Prozess auch im eigenen historiografischen Arbeiten, womit die Diskussion abschließend den Ausgangspunkt des Workshops aufgriff: Filtertechnologien und ihre Konsequenzen gehören zu den zentralen Problemfeldern des 21. Jahrhunderts.

Konferenzübersicht:

Christian Kassung (Berlin) / Alwin Cubasch (Berlin): Begrüßung und Einführung

Session 1

Moderation: Alwin Cubasch (Berlin)

Simone Müller (München): Contested Boundaries of Hazardous Waste. Filter Technologies and the Controversy on Waste Incineration in 1980s USA from a Global Perspective

Manuel Harms (Dresden): The “Reverse” and “Productive” Toxicity of Antimicrobial Resistance

Session 2

Moderation: Heike Weber (Berlin)

Elena Kunadt (Berlin): Technische Lösung oder Anwendungsverbot: Lässt sich Atrazin aus dem Wasser filtern?

Paulina Grebenstein (Berlin): Urbane Naturfilter

Keynote

Moderation: Claudia Mareis (Berlin)

Verena Winiwarter (Wien): Technologically Enhanced Naturally Occurring Radioactive Materials: A Borderline Case

Session 3

Moderation: Christian Kassung (Berlin)

Khashayar Razghandi (Berlin): Rethinking Filter: An Interdisciplinary Inquiry into Typology and Concept of Filter

Léa Perraudin (Berlin): Leakage and Accumulation. A Field Test for Environing

Session 4

Moderation: Verena Winiwarter (Wien)

Sabine Loewe-Hannatzsch (Freiberg): Waste Legacies of Uranium Ore Mining by the SAG/SDAG Wismut, 1946–1991

Stefan Guth (Tübingen): Unfiltered Reality. Facing the Legacies of Uranium Mining and Plutonium Production in Western Kazakhstan

Abschlussdiskussion


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